Die FIDE-Kommission für Frauenschach hält eine Sitzung in Samarkand ab
FIDE-Kommission für Frauenschach tagt während der Schacholympiade 2026
Das Frauenschach erhält während des größten Mannschaftsturniers des Jahres eine eigene Plattform, um wichtige Zukunftsfragen zu diskutieren. Die FIDE-Kommission für Frauenschach (WOM) wird am 22. September 2026 in Samarkand tagen. In der usbekischen Stadt findet zu diesem Zeitpunkt die 46. Schacholympiade statt. Anders als bei vielen internen Arbeitstreffen steht die Veranstaltung der gesamten Schachgemeinschaft offen. Die Teilnahme ist sowohl vor Ort als auch online möglich.
Im Mittelpunkt der Sitzung steht nicht ausschließlich die Entwicklung von Frauenwettbewerben. Die Organisatoren wollen das Thema Schach umfassender betrachten – als Raum für berufliche Perspektiven, Unternehmertum, Content-Produktion und neue Möglichkeiten für Frauen.
Die Sitzung findet in Samarkand statt
Die 46. Schacholympiade wird vom 15. bis 27. September 2026 in Samarkand, Usbekistan, ausgetragen. Auf dem Programm stehen sowohl der Open-Wettbewerb als auch der Frauenwettbewerb, die jeweils über 11 Runden gehen. Parallel zur Olympiade finden der FIDE-Kongress sowie zahlreiche Sitzungen verschiedener FIDE-Kommissionen statt.
In dieses umfangreiche Programm ist auch die jährliche Sitzung der FIDE-Kommission für Frauenschach eingebettet.
Datum: 22. September 2026
Zeit: 15:00–18:00 Uhr UTC+5
Format: Vor Ort und online
Die dreistündige Veranstaltung trägt den Titel „Beyond the Board: Women, Innovation and the Business of Chess“ – auf Deutsch etwa: „Jenseits des Schachbretts: Frauen, Innovation und das Geschäft mit Schach“.
Schon der Titel macht deutlich, dass die WOM nicht nur über sportliche Ergebnisse sprechen möchte. Es geht vielmehr um die Rolle von Frauen im gesamten modernen Schachökosystem.
Warum die Diskussion über das Schachbrett hinausgeht
Über viele Jahre konzentrierten sich Diskussionen über Frauenschach vor allem auf Turniere, Elo-Zahlen, Meisterschaften und die Frage, wie mehr Mädchen und Frauen für das Schach gewonnen werden können. Die heutige Schachwelt ist jedoch deutlich vielfältiger.
Eine professionelle Karriere im Schach kann inzwischen weit mehr umfassen als das Spielen von Turnieren. Coaching, Turnierorganisation, Medienprojekte, Streaming, soziale Netzwerke, Unternehmertum und Bildungsangebote eröffnen zusätzliche berufliche Möglichkeiten.
Genau auf diese Bereiche soll bei der WOM-Sitzung ein besonderer Schwerpunkt gelegt werden.
Die Vorsitzende der Kommission, Tris-Ann Richards, hat darauf hingewiesen, dass viele Frauen das Schach verlassen, weil sie darin keine Möglichkeit sehen, eine langfristige und wirtschaftlich tragfähige Karriere aufzubauen. Ein Ziel des Treffens besteht deshalb darin, diese Wahrnehmung zu verändern und konkrete berufliche Perspektiven für Frauen auf und neben dem Schachbrett aufzuzeigen.
Damit zeichnet sich ein wichtiger Wandel in der Entwicklung des Frauenschachs ab. Es geht nicht mehr nur darum, mehr Mädchen und Frauen zum Schach zu bringen. Ebenso wichtig ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie langfristig Teil der Schachwelt bleiben können.
Wer wird bei der Sitzung sprechen?
Das Programm umfasst mehrere Vorträge, die unterschiedliche Bereiche der modernen Schachindustrie beleuchten.
WIM Fiona Antoni wird über ihren Wechsel vom professionellen Schach zum Unternehmertum sprechen und erläutern, wie innerhalb des Schachökosystems neue Möglichkeiten geschaffen werden können.
Sagar Shah, Mitbegründer von ChessBase India, wird sich mit dem Geschäft rund um Schach, Investitionen und den Zukunftsperspektiven der Branche beschäftigen.
Christina Aziz wird den Fokus auf Chancen für Frauen, ihren Einfluss und verschiedene berufliche Wege innerhalb des Schachs legen.
Ein weiterer Vortrag beschäftigt sich mit Karriere- und Geschäftsmöglichkeiten, die durch digitale Inhalte, Streaming und den Aufbau einer persönlichen Marke entstanden sind.
Damit könnte die Sitzung zu einer Art Brücke zwischen dem traditionellen Schachsport und der sich rasant entwickelnden digitalen Schachindustrie werden.
WOM zieht Bilanz ihrer Arbeit im vergangenen Jahr
Ein weiterer Teil der Veranstaltung wird sich mit den bisherigen Erfolgen der Kommission und ihren Prioritäten für die Zukunft beschäftigen.
Die Teilnehmer werden über abgeschlossene und laufende WOM-Projekte sprechen, darunter:
* Queens and Princesses Festival
* Chess Mom
* Chess for Protection
* Chess Marathon
* Chess4All
* Queens Gambit Challenge
Darüber hinaus wird die Kommission über den Stand ihrer globalen Studie 2026 sowie des Women in Chess Index informieren. Dieser soll dabei helfen, die Situation von Frauen im Schach in verschiedenen Ländern und Regionen besser zu erfassen.
Das ist besonders relevant, weil sich die Entwicklung des Frauenschachs nicht allein anhand der Zahl von Titelträgerinnen oder gewonnenen Medaillen bewerten lässt. Auch der Zugang zu Schachbildung sowie die Beteiligung von Frauen an Turnierorganisation, Training, Schiedsrichterwesen, Verwaltung und anderen Bereichen werden zunehmend zu wichtigen Indikatoren.
ChessMom: Unterstützung für Schachspielerinnen mit Kindern
Zu den bekanntesten Initiativen der WOM gehört weiterhin das Projekt ChessMom.
Das Programm wurde erstmals bei der Schacholympiade 2024 in Budapest eingeführt. Ziel ist es, professionelle Schachspielerinnen zu unterstützen, die kleine Kinder betreuen. Die FIDE stellt finanzielle Unterstützung für eine Begleitperson bereit, die sich während der Wettkämpfe um das Kind kümmern kann.
Im Jahr 2026 wurde das Projekt weiter ausgebaut.
Während das Pilotprogramm 2024 fünf Schachspielerinnen unterstützte, werden bei der Olympiade in Samarkand bereits 12 Spielerinnen daran teilnehmen. Gleichzeitig wurde die Altersgrenze für die Kinder von einem auf zwei Jahre angehoben.
Damit wird deutlich, dass die Vereinbarkeit von professionellem Sport und Familienleben zunehmend Bestandteil einer systematischen FIDE-Strategie zur Unterstützung von Frauen im Schach wird.
Neue berufliche Möglichkeiten rücken stärker in den Fokus
Die WOM-Sitzung ist auch deshalb interessant, weil sie ein verändertes Verständnis davon widerspiegelt, was Frauenschach heute sein kann.
Eine moderne Schachspielerin muss nicht ausschließlich Wettkampfspielerin sein. Sie kann Trainerin, Organisatorin, Kommentatorin, Bloggerin, Streamerin oder Unternehmerin werden – oder ein eigenes Projekt aufbauen.
Deshalb gewinnen Themen wie Personal Branding, digitale Inhalte und Unternehmertum zunehmend an Bedeutung.
Gerade für junge Schachspielerinnen ist das relevant. Selbst wenn eine Spielerin nie das Niveau erreicht, um um die Weltmeisterschaft zu kämpfen, kann sie innerhalb der Schachbranche dennoch eine langfristige berufliche Perspektive entwickeln.
Initiativen wie diese sollen solche Möglichkeiten sichtbar machen, bevor sich eine talentierte Spielerin endgültig dazu entscheidet, das Schach zu verlassen.
Warum Samarkand der richtige Ort für diese Diskussion ist
Dass die Sitzung parallel zur Schacholympiade stattfindet, hat auch eine symbolische Bedeutung.
Tausende Mitglieder der internationalen Schachgemeinschaft werden in Samarkand zusammenkommen. Der Frauenwettbewerb ist dabei nicht lediglich ein separates Turnier, sondern ein zentraler Bestandteil eines der größten internationalen Schachereignisse. Die Frauenmannschaften stehen dabei ebenso im Mittelpunkt wie der Open-Wettbewerb.
Auch das Programm der Schacholympiade 2026 sieht umfangreiche Aktivitäten der FIDE-Kommissionen und anderer Organisationen vor. Die Kommissionssitzungen finden über mehrere Tage hinweg statt, während die FIDE-Generalversammlung für den 26. und 27. September angesetzt ist.
Damit findet die WOM-Sitzung genau im Zentrum eines größeren Prozesses statt, in dem über wichtige Entscheidungen und die Zukunft des internationalen Schachs diskutiert wird.
Was könnte sich nach der Sitzung verändern?
Die entscheidende Frage lautet, ob das Treffen lediglich eine weitere Diskussionsrunde bleibt oder zum Ausgangspunkt für neue Initiativen wird.
Das Potenzial dafür ist vorhanden. Die Kommission arbeitet bereits in verschiedenen Bereichen – von der Unterstützung von Müttern und jungen Schachspielerinnen bis hin zu Bildungs- und Sozialprojekten.
Gleichzeitig könnte die Erweiterung beruflicher Möglichkeiten für Frauen langfristig ebenso wichtig werden wie die Steigerung der Teilnehmerzahlen bei Turnieren.
Wenn eine Frau im Schach eine realistische Möglichkeit für eine langfristige Karriere sieht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie der Schachwelt dauerhaft erhalten bleibt.
Genau deshalb ist das Motto „Beyond the Board“ so relevant. Die Zukunft des Frauenschachs wird nicht allein davon bestimmt, wer das nächste Turnier gewinnt. Entscheidend wird auch sein, wie zugänglich, offen und beruflich attraktiv die Schachwelt für Frauen gestaltet wird.
Fazit
Die Sitzung der FIDE-Kommission für Frauenschach am 22. September in Samarkand wird zu den wichtigen Veranstaltungen des fachlichen und organisatorischen Programms rund um die Schacholympiade 2026 gehören. Auf der Agenda stehen nicht nur die Arbeit der Kommission und ihre bisherigen Projekte, sondern eine wesentlich umfassendere Frage: Welche Rolle können Frauen in der modernen Schachindustrie spielen?
Von der Unterstützung von Schachspielerinnen mit Kindern über Unternehmertum bis hin zu digitalen Inhalten und der Analyse der Gleichstellung bewegt sich die Diskussion längst über das traditionelle Verständnis von Frauenschach hinaus.
Und genau darin liegt die wichtigste Botschaft der bevorstehenden Sitzung.
Wenn sich das Frauenschach weiterentwickeln soll, reicht es nicht aus, mehr Turniere zu schaffen. Es müssen auch mehr Möglichkeiten entstehen.
Samarkand bietet der internationalen Schachgemeinschaft die Gelegenheit, darüber zu diskutieren, wie dieses Ziel erreicht werden kann – und wie die Zukunft der Frauen im Schach aussehen soll.